Zum beitrag der natur zur menschenbildung im weimarer klassischen denken am beispiel von goethes mensch-naturphilosophie in seinem werk die wahlverwandtschaften : AHIBA ALPHONSE BOUA

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ZUM BEITRAG DER NATUR ZUR MENSCHENBILDUNG IM WEIMARER KLASSISCHEN DENKEN AM BEISPIEL VON GOETHES MENSCH-NATURPHILOSOPHIE IN SEINEM WERK DIE WAHLVERWANDTSCHAFTEN

 


AHIBA ALPHONSE BOUA
Département d’Allemand Université Félix Houphouët-Boigny Cocody, Abidjan (Côte d’Ivoire)

 

Zusammenfassung
Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften (1809) wird häufig von manchen Kommentatoren als das beste literarische Illustrationswerk für das Ideal der Weimarer Klassik erwähnt, indem sie über den Sieg einer sogenannten reinen Kultur über eine im Menschen wirkende Natur berichten. Doch ist in den Ansichten des Autors dieses Werkes eine Kulturphilosophie vorhanden, die die Natur nicht ablehnt, sondern sich auf sie stützt, um ihr höchstes Ziel zu erreichen, und zwar die Bildung des Menschen. Es geht um seine Mensch-Naturphilosophie, die für eine Komplementarität zwischen Natur und Kultur bzw. Bildung plädiert. Denn für Goethe bildet sich der Mensch besser, nur wenn er die Natur kennt und beherrscht, aber nicht (ver)leugnet. Daher dieser Artikel, der sich zum Ziel setzt, diese Idee einer den Menschen bildenden Natur in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften durch eine werkimmanente Interpretation zu rechtfertigen.

Stichwörter: Natur, Mensch, Bildung, Mensch-Naturphilosophie

Résumé
Le  roman  Les  affinités  électives  (1809)  de  Goethe  est  le  plus  souvent  cité  par  certains commentateurs comme la meilleure œuvre littéraire illustrant l’idéal classique de Weimar, enregistrant ainsi la victoire d’une prétendue culture pure sur une nature agissant en l’homme. Pourtant, l’on peut déceler dans les vues de l’auteur de cette œuvre une philosophie de la culture qui ne rejette pas la nature, mais qui s’en inspire pour atteindre son but ultime, à savoir la formation complète de l’homme. Il s’agit de sa philosophie de l’homme-nature qui plaide pour une complémentarité entre nature et culture. Car, pour Goethe, l’homme se forme au mieux non pas en (re)niant la nature, mais en la connaissant et en la maîtrisant. D’où cet article, qui se propose, à travers une interprétation immanente de l’œuvre Les affinités électives, de justifier l’idée d’une nature capable de contribuer à la formation complète de l’homme.

Mots-clés : nature, homme, formation, philosophie de l’homme-nature

EINLEITUNG
In den heutigen literarischen Debatten hat man den Eindruck, es ist nichts Neues über Goethe und sein Werk zu sagen. Beschließt man jedoch, sich mit Goethe und seinem Werk tief und ganz zu befassen, so entdeckt man wie „unerschöpflich“ dieser Autor ist. Sein Roman Die Wahlverwandtschaften2 (1809) spiegelt diesen Standpunkt wider. Tatsächlich wird dieses Werk von den meisten eifrigen Kommentatoren Goethes häufig als die beste Illustration für das Ideal der Weimarer Klassik erwähnt, indem sie über den Sieg einer sogenannten reinen Kultur über eine im Menschen wirkende Natur berichten. Doch ist in den Ansichten des Autors dieses Werkes eine Kulturphilosophie vorhanden, die die Natur nicht ablehnt, sondern sich auf sie stützt, um ihr höchstes Ziel zu erreichen, und zwar die Bildung des Menschen. Es geht um seine Mensch-Naturphilosophie, die für eine Komplementarität zwischen Natur und Kultur bzw. Bildung3 plädiert. Goethe selbst weist ausführlich auf diese Idee in Von der Physiognimik überhaupt hin: „Die Natur bildet den Menschen, er bildet sich um, und diese Umbildung ist doch wieder natürlich; er, der sich in die große, weite Welt gesetzt sieht, umzäumt, ummauert sich eine kleine drein, und staffiert sie aus nach seinem Bilde.“ (zitiert nach M. Wolf, 1999, S.75) Goethe scheint hier, der Meinung zu sein, es gäbe einen natürlichen Determinismus, der zum Bildungsprozess beitrüge, den Menschen so unbewusst bildet, damit er zur höchsten Globalkultur gelangt. Wenn es dennoch zutrifft, dass das Werk Die Wahlverwandtschaften jene Anschauung Goethes veranschaulicht, ist also die folgende zweiteilige Problematik der Analyse wert: Wodurch kennzeichnet sich die Natur und wie trägt sie zur Bildung des Menschen bei? Auf diese Frage wird versucht zu antworten durch eine immanente Interpretation Goethes Werkes, wobei zur Narratologie gegriffen wird, um drei Schwerpunkte zu untersuchen, und zwar: 1. das irrationale Verhältnis einiger Gestalten zur umgebenden Natur und den anderen; 2. der unausweichliche Ausdruck der Natur in den Menschen, ihren Geschöpfen; und 3. das Schicksalhafte als Naturrealität im Werk.

 

  1. IRRATIONALES VERHÄLTNIS EINIGER GESTALTEN ZUR UMGEBENDEN NATUR UND DEN ANDEREN

Unter irrational wird alles verstanden, was unvernünftig, vernunftwidrig, unberechenbar, mit dem Verstand nicht erfassbar ist. Die alltägliche Erfahrung zeigt uns die Unfähigkeit der so gepriesenen Vernunft, manche Phänomene zu erklären. Dies bedeutet nicht nur, dass die Vernunft beschränkt ist, sondern auch, dass das Irrationale mitten in der Wirklichkeit liegt.  Diese Realität  wollte Goethe im  Roman durch  das  Verhältnis  einiger Gestalten zur umgebenden Natur und ihren Mitmenschen darstellen.

1.1. Eduards irrationales Verfahren zu Charlotte

Schon am Anfang des Romans zeigte Eduard eine rationalistische Beziehung sowohl zur umgebenden Natur als auch zu seinen Mitmenschen. Er ist ein Genießer der Natur. Als vernunftbegabter Mensch  verwandelt  er die  umgebende landschaftliche Natur durch  sein wissenschaftliches Wissen und Tun nach seinem Geschmack und Behagen. Doch wird derselbe 2  Es geht in diesem klassischen Roman um die Geschichte eines reichen Barons namens Eduard Otto, der mit seiner Gattin Charlotte zurückgezogen in einem von einem großen Park umgebenen Schloss lebte. In zweiter Ehe haben die  beiden Liebenden von einst endlich zueinander gefunden, indem sie  sich  dem Garten und  der Parkgestaltung widmen. Gestört wird diese Idylle, als Eduard seinen Freund, den Hauptmann, auf das Anwesen aufnahm, während Charlotte ihren Schützling Ottilie herbeiholen ließ, damit diese ihr Gesellschaft leistet. Bald schon begann das Phänomen der Wahlverwandtschaften zwischen diesen vier Gestalten, so dass Eduard sich zu Ottilie und Charlotte zum Hauptmann hingezogen fühlte. Später beschloss Ottilie nach dem tragischen Tod des Kindes des Ehepaars, auf ihre Liebe zu Eduard zu verzichten, indem sie sich zurückzog, nicht mehr sprach und aß, bis sie letztlich an Schwäche starb. Zum Schluss starb Eduard auch, aber eines natürlichen Todes.
Eduard im Laufe der Handlung so plötzlich bzw. übergangslos irrational verfahren, dass seine innewohnende Natur den Vorrang vor seiner Vernunft haben wird. Im ersten Kapitel des Romans legt Goethe (1999: S. 13) Charlotte folgende Worte in den Mund: „Das Bewußtsein, mein Liebster, ist keine hinlängliche Waffe, ja manchmal eine gefährliche für den, der sie führt.“ Die Gefahr, vor der Charlotte ihren Gemahl Eduard warnt, ist die der Vernunft bzw. des denkenden Menschen, der auch ins Irrationale geraten könnte. Als es nämlich die Rede davon war, den mit einem Problem konfrontierten Hauptmann ins Schloss aufzunehmen, bemerkte man, wie Eduard im Gegensatz zu Charlotte seine Ansichten irrational darstellte: „Das ist wohl zu überlegen und von mehr als einer Seite zu betrachten.“ (ebd., S. 9) So Charlotte an Eduard über die eventuelle Aufnahme des Hauptmanns. Hingegen versetzte Eduard auf folgende Weise: „Wie die Sache steht, werden wir uns auch nach mehreren Tagen immer übereilen. Die Gründe für oder dagegen haben wir wechselweise vorgebracht; es kommt auf den Entschluß an, und da wär es wirklich das Beste, wir gäben ihn dem Los anheim.“ (ebd., S. 13)

Dass der vernunftbegabte Eduard nicht nur gefühlsmäßig verfährt, sondern auch das Los als Lösung eines Dilemmas vorschlägt, zeugt deutlich davon, dass auch das irrationale Verhältnis dem Menschen bzw. Eduard nicht fehlt. Deshalb wird Charlotte ihn zur Vernunft bringen, und zwar auf folgende Weise: „Ich weiß, daß du in zweifelhaften Fällen gerne wettest oder würfelst; bei einer so ernsthaften Sache hingegen würde ich dies für einen Frevel halten.“ (ebd., S. 13) Was Charlotte für Frevel halten würde, ist nichts anderes als Eduards Verzicht aufs Überlegen, sein irrationales Verfahren, das S. Blessin (1996, S. 221) dazu bringt, in ihm die krasse Illustration der leidenschaftlichen Natur im Menschen zu sehen:

Eduard ist nicht der stille, sondern der leidenschaftliche Verehrer. Er hat die Idealisierung der unerreichbaren Frau so weit getrieben, dass es ihm nie und nimmer genügen kann, zu einem Bild in die Höhe zu blicken. Er muss die sich ihm entziehende Geliebte als lebendige Person vor Augen haben.

Zwei weitere Beweise dafür, dass sich das Irrationale fast überall im Werk etabliert hat, ist das Benehmen Ottilies und dieses Lucianes zur umgebenden Natur und den anderen.

1.2. Ottilies naives Verhältnis zur umgebenden Natur und den anderen

„Der Mensch gehört mit zur Natur, und er ist es, der die zartesten Bezüge der sämtlichen elementaren Erscheinungen in sich aufzunehmen […] weiß.“ (zitiert nach M. Wolf, 1999, S.74) So Goethe an K. F. Zelter am 31. März 1831. Hat Goethe 22 Jahre vorher (1809) in Die Wahlverwandtschaften eine bestimmte Gestalt schildern wollen, die diese Meinung am besten illustriert, so ist Ottilie ohne Zweifel jene Gestalt. Im Roman ist Ottilie nämlich Natur und umgekehrt. Sie genießt naiv bzw. stillschweigend die Schönheit und den Reiz der umgebenden landschaftlichen Natur. Während manche Figuren sich darum bemühen, die landschaftliche Natur zu verwandeln, widmet sich Ottilie lieber der Liebe zu Blumen, welche sie im Zusammenhang mit Eduard stillschweigend liebt. Dadurch lässt sie sich von der Natur leiten. Die Natur drückt sich in ihr aus, und ihre Aufgabe scheint darin zu bestehen, den Naturgesetzen nicht zu widerstehen, sondern ihnen zu gehorchen.
Solch ein passives Benehmen bestätigt deutlich die Urteile über Ottilie. Sei es die Vorsteherin der Pension oder der Pensionsgehilfe, alle sind der Meinung, dass Ottilie über Fähigkeiten verfügt, die sie aber nicht scheint, entwickeln zu wollen. In einem Brief des Pensionsgehilfen an Charlotte berichtet er über ein Urteil der Vorsteherin über Ottilie:

Sie hat keinen Preis erhalten und ist auch unter denen, die kein Zeugnis empfangen  haben. […] Unsere gute Vorsteherin […] konnte, nachdem die Herren sich entfernt hatten, ihren Unwillen nicht bergen und sagte zu Ottilien, die ganz ruhig, indem die andern sich über ihre Preise freuten, am Fenster stand: „aber sagen Sie mir, ums Himmels willen! Wie kann man so dumm aussehen, wenn man es nicht ist?“ (J. W. v. Goethe, 1999, S. 44).

Kein Erstaunen kann solch ein Urteil über Ottilie hervorrufen. Die Schule bezweckt normalerweise die Erziehung und die Bildung des Menschen. Dass Ottilie aber keinen Fortschritt seit ihrem Eintritt in die Pension macht, bedeutet im Sinne Goethes, ihr Naturell steht im Gegensatz zur Schulerziehung, wie sie durchdacht werden sollte.4  Ottilie wird zur perfekten Illustration der Natur im Werk, indem sie sich als eine Figur erweist, die ein naives, passives bzw. gleichgültiges Verhältnis zur umgebenden Natur und ihren Mitmenschen zeigt. Ihre schwer mit der Vernunft zu begreifende Reaktion auf Lucianes Provokation ihr gegenüber illustriert deutlich ihre Passivität: „Sie [Luciane] sprang mit ihren Preisen und Zeugnissen in den Zimmern herum und schüttelte sie auch Ottilien vor dem Gesicht. ‘Du bist heute schlecht gefahren!’ rief sie aus. Ganz gelassen antwortete Ottilie: ‘Es ist noch nicht der letzte Prüfungstag’.“ (ebd., S. 44) Der Vorwand einer weiteren Chance, von der Ottilie spricht, ist normal und sogar legitim. Aber das Problem hier besteht darin, dass sie von Natur aus nicht bereit zu sein scheint, in Schul- und Erziehangelegenheiten hervorragend zu werden. Deshalb könnten wir aus ihrer oben dargestellten Reaktion eine Art Gleichgültigkeit folgern, nicht aber irgendein Bedauern, das eine eventuelle Verbesserung hervorrufen könnte.

1.3. Lucianes egoistisches Verhältnis zu den anderen
Was Luciane angeht, vertritt sie die wilde bzw. die rohe Natur im Werk. Nicht umsonst hat Goethe Luciane in ihrem Rohzustand darstellen wollen. Er bezweckte dadurch – wie im Fall Ottilies – die Idee einer fast unausweichlichen Natur im Menschen. Seine Meinung zeigt er im Werk, indem er dem Pensionsgehilfen folgende Worte über Luciane in den Mund legt: „Ihre Fräulein Tochter, gnädige Frau, sonst lebhaft und  freimutig, war im Gefühl ihres heutigen Triumphs ausgelassen und übermütig. Sie sprang mit ihren Preisen und Zeugnissen in den Zimmern herum und schüttelte sie auch Ottilien vor dem Gesicht. ‘Du bist heute schlecht gefahren!’“ (ebd.) Allein diese Formulierung besagt alles über Luciane: Sie sei „lebhaft“ und „freimutig“. In der Tat vermag jene Freimutigkeit, das nicht zu verbergen, was Luciane in Wirklichkeit ist. Mit anderen Worten lässt sich ihre Freimutigkeit mit ihrer Lebhaftigkeit verstehen. Der Erzähler selbst gibt Auskunft über ihr Naturell: Luciane sei „wie alle Menschen ihrer Art, die immer durcheinander mischen, was ihnen vorteilhaft und was ihnen nachteilig ist“. (ebd., S. 156)
Zwar genießt Luciane eine relativ gute Ausbildung, und ihre zahlreichen Preise in der Pension zeugen deutlich davon; aber, wozu denn solch eine Bildung, wenn sie nur dazu dient, über die anderen zu spotten oder sie zu provozieren? Deshalb lohnt es sich hier zu behaupten, dass sich hinter der Kultur Lucianes der vermessene Wunsch verbirgt, die anderen zu beherrschen, den Mitmenschen  überlegen  zu  sein.  Man  denkt  an  ihre heftige Art  und  Weise,  wie er  den Architekten anspricht, welche der Erzähler folgendermaßen so beschreibt: „’Was!’ rief Luciane gebieterisch, ‘Sie wollen dem Befehl Ihrer Königin nicht gehorchen?’“ (ebd., S. 147) Luciane will sich immer durchsetzen: „Bei der Schnelligkeit ihres Wesens war ihr nicht leicht zu widersprechen. Die Gesellschaft hatte manches zu leiden, am meisten aber die Kammermädchen, die mit Waschen und Bügeln, Auftrennen und Annähen nicht fertig werden konnten.“ (ebd., S. 143) Bescheidenheit, Toleranz und Anteilnahme sollten den kulturell gebildeten und erzogenen Menschen charakterisieren. Bei der Offenbarung ihrer Freude hat sich Luciane aber keine Grenzen gesetzt. Anstatt ihre „Schwester“ Ottilie zu trösten, spottet Luciane über sie, indem sie diese beleidigt und verletzt. Luciane gehört in diesem Sinne zu den triebhaft-egoistischen Gestalten im Werk, die ihrem Naturell freien Lauf lassen und sich dadurch vernunftwidrig zu ihren Mitmenschen benehmen.

Wenn wir außerdem einen kritischen Blick auf das Benehmen der Gestalten werfen, die wir bisher dargestellt haben, stellen wir fest, dass diese weder freiwillig noch absichtlich handeln. Sie sind in manchen Fällen dem Naturwillen unterworfen. Diese Bemerkung bedeutet, es besteht eine enge Beziehung zwischen dem Menschen und der Natur, in der dieser ständig handelt als deren Geschöpf. Daher die Relevanz des zweiten Teils unserer Analyse.

 

  1.  UNAUSWEICHLICHER AUSDRUCK DER NATUR IN DEN MENSCHEN, IHREN GESCHÖPFEN

[…] Um so mehr, als doch überall nur eine Natur ist, und auch durch das Reich der heitern Vernunftfreiheit die Spuren trüber leidenschaftlicher Notwendigkeit sich unaufhaltsam hindurchziehen, die nur durch eine höhere Hand, und vielleicht auch nicht in diesem Leben, völlig auszulöschen sind. (J. W. v. Goethe, 4. 9. 1809)5.

So berichtete Goethe über den Sinn seines Romans kurz nach dessen Erscheinung. Diese Vorbemerkung soll uns zum zentralen Thema der Wahlverwandtschaften zurückführen, und zwar dem der Natur und deren Ausdruck in den Menschen. Im Werk lässt sich nämlich dieser unausweichliche Ausdruck sowohl in der Form von Anziehungskraft und Liebe und als auch in der Form von ewigen unstillbaren Wünschen und Leidenschaften verstehen.

2.1. In der Form von Anziehungskraft und Liebe

Im Aufsatz Die Natur heißt es: „Ihre Kröne ist die Liebe. Nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen und alles sich verschlingen. Sie hat alles isolieret [sic] um alles zusammenzuziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos.“ (J. W. v. Goethe, 1982, S. 47) Durch diese Behauptung will Goethe nicht nur zeigen, dass die Liebe die perfekte Illustration der Natur ist, sondern auch, dass sich die Liebe als der Höhepunkt des Ausdrucks der Natur in den Menschen, ihren Geschöpfen, erweist. Laut dieser Äußerung hätte die Natur ursprünglich die Menschen absichtlich voneinander getrennt, damit sie danach einander lieben und anziehen. Die Suche nach einem Partner oder einer Partnerin wäre demzufolge eine Naturnotwendigkeit. So lautet die heikle Frage: Wie ist diese(r) von der Natur ursprünglich getrennte Partner(in) zu finden? Denn ein Mensch kann sich zwar von seinem Nächsten angezogen fühlen und deshalb vorhaben, eine Liebesbeziehung mit diesem zu erfahren; es scheint aber, wenn dieses Vorhaben kein Wille der Natur (Gottes) ist, so kann es scheitern, als wäre immer der Scheidung ausgesetzt, was die Natur nicht verbunden hätte. Im Roman wird über diese Idee chemisch berichtet:

Diejenigen Naturen, die sich beim Zusammentreffen einander schnell ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt. An den Alkalien und Säuren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am entschiedensten suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen Körper bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug. (J. W. v. Goethe, 1999, S. 37-38).

Dazu ist Folgendes hinzuzufügen: „Auf eben diese Weise können unter Menschen wahrhaft bedeutende Freundschaften entstehen, denn entgegengesetzte Eigenschaften machen eine innigere Vereinigung möglich.“ (ebd., S. 38)

Die Analyse beider Zitate weist ein wichtiges Naturprinzip auf, das Goethe Polaritätsprinzip nennt. Dementsprechend könnten sich nur entgegen polarisierte Menschen einander anziehen. Dieses Prinzip, das auf den Magnetismus verweist, stellt den Kontrast Minus und Plus als Basis einer Bindung bzw. eines Zusammenlebens dar, so dass der eine bei dem anderen das findet, was ihm fehlt, um dadurch eins zu werden. Naturprodukte, die keinen Unterscheid nicht nur in ihrer physischen Beschaffenheit, sondern auch in ihrem Naturell zeigen, könnten sich nicht einander anziehen. Im Roman ist der Fall von Eduard und Ottilie als nennenswertes Beispiel zu erwähnen. Der Autor lässt nämlich Eduard unter einem heftigen Kopfweh auf der rechten Seite leiden. Im Gegensatz dazu hat Ottilie ihr Kopfweh auf der linken Seite. Solch eine Parallele zeigt, dass beide Gestalten einen gewissen Unterschied in der physischen Beschaffenheit genießen. Daher soll verstanden werden, dass sich Eduard und Ottilie gegenseitig wie Plus und Minus, Kalk und Säure einander anziehen. Deshalb sind sie dem Phänomen der Wahlverwandtschaften ausgesetzt gewesen und haben es am besten illustriert.

2.2. In der Form von ewigen unstillbaren Wünschen und Leidenschaften

„Unsere Leidenschaften sind wahre Phönixe. Wie der alte verbrennt, steigt der neue sogleich wieder aus der Asche hervor.“ (ebd., S. 150) So Ottilie in ihrem Tagebuch voller Maximen und Reflexionen. Mit dieser Maxime bekommen wir zu verstehen, dass der Mensch ein ständiges unstillbares Wesen ist und es so bleiben wird. In der ägyptischen Mythologie ist der Phönix ein Vogel, der sich im Feuer verjüngt. Dass aber Ottilie die menschlichen Leidenschaften mit den Phönixen vergleicht, zeugt von der ewigen Unstillbarkeit im Menschen; wie Phönixe steigen die Leidenschaften des Menschen ständig aus der Asche hervor. Der Mensch ist ein triebhaftes Wesen, das ständig eine Unstillbarkeit seiner Triebe, Wünsche und Leidenschaften erfährt, welche ursprünglich seine Existenzangst – jene große Angst, den Anforderungen der Natur nicht gewachsen zu sein – erklärt. Wünsche und Leidenschaften sind als solche der Ausdruck einer natürlichen Leere, die das wünschende Subjekt in seiner Existenz fühlt. Deshalb ist der Mensch ständig auf der Suche nach einem Objekt, das ihm ein gewisses Glück bereiten wird, damit er Ende zu dem setzt, was die alten Griechen Horror vacui (Angst vor der Leere) nannten. Aber dieses Streben nach einem eventuellen Glück scheint, immer von der Natur behindert zu werden. Sie lässt den Menschen dabei scheitern. Sie schafft Hoffnung in ihm und setzt alle Mittel daran ein, damit der Mensch immer wieder ein Objekt wünscht, damit er immer wieder von dem Gewünschten abhängt. S. Blessin (1996, S. 209) ist der Ansicht, die Hauptfiguren des Werkes verkennen dieses Naturspiel nicht, daher ihr verehrendes Benehmen der umgebenden Natur gegenüber:

Was Natur ist, scheinen alle zu wissen: Eduard, Charlotte, der Hauptmann, der sich wenig darum kümmert, und auch Ottilie, die wie die Natur selbst in die Welt der Wahlverwandtschaften eintritt und erleben muss, dass sie aus ihrer „Bahn geschritten“ ist; In dem kleinen Kreis weiß man von der Natur vor allem, dass man sich von ihr entfernt hat und wieder dahin zurückmöchte.

So sollen in dieser Hinsicht alle Unternehmungen des Menschen als eine ewige Wiederholung gesehen werden, da die Natur scheint, ihm die Stillbarkeit und das Glück verwehrt zu haben. Die Aufgabe des Menschen solle also darin bestehen, alles bis zum Tod wieder zu machen. (vgl. S.  Bollmann, 2016, S. 109) Der Mensch  ist wie die Gestalt Sisyphe, die von den griechischen Göttern gestraft wurde, die Besteigung des Felsens bis zum Gipfel eines Berges immer wieder zu erneuern. Alles bestehe in der ewigen Wiederholung, und diese Realität hat Goethe im Werk zeigen wollen, indem er dem Architekten folgende Worte in den Mund legt:

Ist denn alles, was wir tun, für die Ewigkeit getan? Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder auszuziehen? Verreisen wir nicht, um wiederzukehren? Und warum sollten wir nicht wünschen, neben den Unsrigen zu rufen, und wenn es auch nur für ein Jahrhundert wäre? (J. W. v. Goethe, 1999, S. 135).

Das Gemeinte hier ist die ewige Wiederholung des Lebens selbst. Das schon Genossene wird kurz danach zugunsten eines anderen Wunschs aufgegeben. Begnügen ist demzufolge dem Menschen fremd, denn die Natur selbst begnügt sich mit dem Unbeweglichen nicht. Darüber berichtet Goethe wie folgt: „Sie [die Natur] gibt Bedürfnisse, weil sie Bewegung liebt. Wunder, daß sie alle diese Bewegung mit so wenigem erreichte. Jedes Bedürfnis ist Wohltat. Schnell befriedigt, schnell wieder erwachsend.“ (J. W. v. Goethe, 1982, S. 46) Nun lässt sich besser verstehen, warum Eduard in Ottilie, den Schützling seiner Gemahlin, verliebt gewesen ist. Da seine Leidenschaft bzw. seine Liebe zu Ottilie eine natürliche Neigung war, konnte er Ottilie überhaupt nicht widerstehen. Er konnte nur den Wunsch der Natur verwirklichen, indem er sich von Ottilie anziehen ließ. Deshalb rechtfertigt er diese Zuneigung zu Ottilie auf einer natürlichen Ebene, als der Hauptmann ihm etwas Spezielles auf seine Art Ottilie anzusehen anmerkte: „Macht man nicht gern ewige entferne Spazierfahrt, um einen Kaffee zu trinken, einen Fisch zu genießen, der uns zu Hause nicht so gut geschmeckt hätte? Wir verlangen Abwechslung und fremde Gegenstande.“ (J. W. v. Goethe, 1999, S. 60)

Der Kaffee oder der Fisch, von dem hier die Rede ist, verweist auf Ottilie. Da Charlotte Eduards überdrüssig geworden ist, erweist sich eine Spazierfahrt, eine Suche nach einem besseren Kaffee, also einer fremden Liebe – hier Ottilie – nicht nur als dringend, sondern auch als unentbehrlich. Diese Unstillbarkeit und Unbeständigkeit des Menschen werden ferner vom Erzähler selbst ausführlich zusammengefasst:

Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen, und der ganz natürliche Wunsch, einem so schönen Wesen, das man genugsam von der Rückseite gesehen, auch ins Angesicht zu schauen, nahm dergestalt überhand, dass ein lustiger, ungeduldiger Vogel die Worte, die man manchmal an das Ende einer Seite zu schreiben pflegt: „Tournez s’il vous plaît“, laut ausrief und eine allgemeine Bestimmung erregte. (ebd. S. 159).

Es stellt sich deutlich heraus, dass das Wesen des Menschen in dem Wiederverlangen, in der Unfähigkeit besteht, seine Wünsche, seine Triebe und Leidenschaften zu stillen. Dies könnte bedeuten, dass der Mensch einer Kraft bzw. dem Schicksal ständig ausgesetzt ist, dessen Wirkung unvermeidlich zu sein scheint, wie im Werk ausführlich gezeigt wird.

  1. DAS SCHICKSALHAFTE ALS NATURREALITÄT IM WERK

Fasst man den Verlauf der Ereignisse vom Anfang bis zum Ende besser ins Auge, so bemerkt man, dass sich das Schicksalhafte im Werk in zwei Hauptarten manifestiert, und zwar durch das Geschick einiger Gestalten einerseits und durch die Zufälle andererseits. Die eine Art wird uns Anlass geben, das Benehmen jener Gestalten dem Schicksal gegenüber zu untersuchen, wobei gezeigt werden wird, wie der Mensch dazu unfähig ist, dem Schicksal zu widerstehen, während sich die andere auf die manchen seltsamen Fügungen und Zufälle im Werk beziehen wird.

3.1. Charlottes vergeblicher Bekämpfung ihrer Liebe zum Hauptmann und der Liebe zwischen Eduard und Ottilie

Im Laufe der Geschichte ist Charlotte nicht gelungen, auf ihre innere Zuneigung zum Hauptmann zu verzichten. Vergeblich hat sie versucht, ihre eigene Liebe zum Letzteren zu bekämpfen, denn sie war ständig in ihren Unternehmungen mit einer unvermeidlichen Kraft bzw. dem Schicksal konfrontiert. Denn trotz ihres hohen Sinnes für die Sittlichkeit war ihr schwer, dem Hauptmann zu entsagen. Ihr beschlossener Versuch, ein endgültiges Ende zu ihrer leidenschaftlichen Zuneigung zum Kapitän zu setzen, war der Abstand ihm gegenüber. Indem sie sich die Gesellschaft dieses Mannes verweigerte, dachte sie trotzdem immer an ihn, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Charlotte, die vorher rationalistisch dargestellt wurde, wird jetzt schicksalsgläubig. Ihre Vernunft überlässt ihrem Herzen den Platz. Sie verfährt nun so gefühlsmäßig, dass sich ihr ganzes Wesen zum Bild des Hauptmanns niederbeugte, wie der Erzähler es beschreibt, als sich Charlotte eines Nachts im Bett befand: „Der Hauptmann schien vor ihr zu stehen. Er füllte noch das Haus, er belebte noch die Spaziergänge, und er sollte fort, das alles sollte leer werden!“ (J. W. v. Goethe, 1999, S. 85)

Dass Charlotte an den Hauptmann im Ehebett unaufhörlich denkt, zeugt schlechthin davon, dass ihr Bewusstsein zugunsten des Schicksals zurückgetreten ist. Sie zeugt nämlich von der unausweichlichen Übermacht des Schicksals, die sich ein paar Minuten nach jener Handlung nochmal manifestieren wird, als ihr Gemahl Eduard an ihre Schlafzimmertür klopfte: „Er [Eduard] pochte nochmals, und zum drittenmal etwas stärker, so daß Charlotte durch die Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt auffuhr. Der erste Gedanke war es könne, es müsse der Hauptmann sein. […] Ihr stand des Hauptmanns Gestalt vor der Tür.“ (ebd., S.85) Das Ironische dabei besteht darin, dass sie immer wieder an den Hauptmann dachte, als sie sich in den Armen ihres auch an Ottilie denkenden Gemahls im Ehebett befand:

In der Lampendämmerung sogleich behauptete die innere Neigung, behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte über das Wirkliche: Eduard hielt nur Ottilien in seinen Armen, Charlotte schwebte der Hauptmann näher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, unwundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander. (ebd., S. 86).

Solch ein moralisches Benehmen Charlottes, deren Sinn für die Sittlichkeit genug hoch vorausgesetzt wird, kann nur über die Übermacht, die Unergründlichkeit des Schicksals berichten, denn trotz ihrer scheinbaren Abgeklärtheit dem Verlauf der Ereignisse gegenüber, scheitern ihre Versuche, das Fatale bzw. das Unausweichliche durchzukreuzen.
Außerdem soll Charlottes vergebliche Bekämpfung der Verbindung zwischen Eduard und Ottilie berücksichtigt werden als zweiten erwähnenswerten Beweis für die Unfähigkeit der Gestalten, dem Schicksal zu widerstehen. Während Charlotte durch Geschick, mit aller Kraft versucht, ihren Gemahl von ihrem Schützling zu entfernen, verschlimmert sich die Sache seitens Eduards, wie der Erzähler darüber berichtet:

In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist kein Maß mehr. Das Bewußtsein zu lieben und geliebt zu werden, treibt ihn ins Unendliche. Wie verändert ist ihm die Ansicht von allen Zimmern, von allen Umgebungen! Er findet sich in seinem eigenen Haus nicht mehr. Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm alles; er ist ganz in ihr versunken, keine andre Betrachtung steigt vor ihn auf, kein Gewissen spricht ihm zu, alles, was in seiner Natur gebändigt war, bricht los, sein ganzes Wesen strömt gegen Ottilien. (ebd., S. 95)

Dasselbe passierte auch bei Ottilie: „Dabei war sie ruhig und heiter, Ottilie schien es nur; denn in allem beobachtete sie nichts als Symptome, ob Eduard wohl bald erwartet werde oder nicht. Nichts interessierte sie an allem als diese Betrachtung.“ (ebd., S. 113) Beide Zitate zeigen nicht nur, dass Charlotte gescheitert ist, indem sie sich dafür entschloss, die Verbindung zwischen Eduard und Ottilie zu bekämpfen, sondern auch, dass das menschliche Handeln nichts gegen die Wirkung der Natur, des Schicksals unternehmen kann. Eduards Entfernung von seinem Haus, indem er ins Militär geht, um die vom ihm erlebte traurige Situation zu vergessen, hat die Verhältnisse nicht positiv beeinflusst. Eher hat sich die Situation verschlimmert. Der Mensch – so Blessin – sei demzufolge dem Schicksal unterworfen. Er folge unbewusst dem Weg, den das Schicksal für ihn vorbereitet habe, und sein ganzes Wesen, seine Existenz hänge davon ab:

[…] warum auch Ottilie mit ihrem Versuch, ein neues Leben zu beginnen, scheitert. Moralisieren hilft endgültig nicht weiter. Die Ursachen liegen woanders. Scheinbar in einer von unserem Willen abgelösten, von Recht und Unrecht abgekoppelten Natur, die sich nach eigenen Gesetzen vollzieht – nach Gesetzen, vor denen der Mensch verstummen muss, weil er sie auch dann nicht beeinflussen kann, wenn er  sie erkannt hat. Das ist  Ottilies Fall. Sie  hat  sich nach dem gescheiterten Versuch, sich von Eduard zu trennen, in das Unabänderliche ergeben. Sie hat dem eigenen Willen und Wollen entsagt und sogar zu sprechen und zu essen aufgehört. Sie stirbt als Heilige – als eine, die sich selbst und alles Irdische überwunden hat. (S. Blessin, 1996, S. 213)

Dieser Standpunkt Blessins hält nicht von ungefähr. Dem Schicksal bzw. der Natur selbst wohne eine Kraft inne, mit der sie die Menschen leite: „Sie spritzt ihre Geschöpfe aus dem Nichts hervor, und sagt ihnen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie sollen nur laufen. Die Bahn kennt sie.“ (J. W. v. Goethe, 1982, S. 46) Vor solch einer Kraft kann der Mensch nur resignieren, indem er nicht nur der Grenzen seines Geschicks gewahr wird, sondern auch sich auf das Los bzw. das Schicksal selbst verlässt.

3.2. Unausweichlicher Ausdruck des Schicksals durch seltsame Fügungen und Zufälle

Zunächst ist die folgende Idee zu berücksichtigen, was den Zufall angeht. Früher hatte Charlotte eher eine Verbindung zwischen Eduard und Ottilie gewünscht. Als sich Eduard und Charlotte wieder fanden, um ihre früher nicht verwirklichte Liebe zu genießen, schlug Charlotte – man hätte gesagt, durch Zufall –, die sich nicht mehr anziehend fühlte, ihrem Geliebten Eduard ihren Schützling Ottilie zum Heiraten vor. Unbewusst hat sie sich ein künftiges Spiel des Zufalls gewünscht. Sie antizipierte das unsittlich Erscheinende, das später im Werk vorkommen wird, und zwar die leidenschaftliche Liebe Eduards zu Ottilie.

 

Hinter dieser Prophezeiung versteckte sich Goethes Verständnis der Mensch-Natur-Beziehung, das als theatralisch erscheint. Er betrachtete nämlich die Natur als einen großen Schauplatz der göttlichen Allmacht, ganz so als wäre sie eine Bühne, auf der ein Schauspiel aufgeführt wird, das Gott zur Bildung und glücklichsten Entwicklung des Anblicks und Geistes des beobachtenden bzw. schauenden Menschen geschrieben und inszeniert hätte und nun betrachtete. Dabei erscheint die Natur für ihn nicht als ein Schauplatz allein, sondern auch als ein Schauspiel, und der Mensch – als Bestandteil dieser Natur – zugleich als ein Schauspieler und ein Zuschauer, der sich durchs Spiel der Natur (aus)bildet.6 Man denkt an diese Passage seines Aufsatzes Die Natur: „Sie [die Natur] schafft ewig neue Gestalten […] Sie spielt ein Schauspiel: ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt sie‘s für uns, die wir in der Ecke stehen. […] Mit allen treibt sie ein freundliches Spiel […]“ (J. W. v. Goethe, 1982, S. 46) Oder an derer Stelle: „Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Umgebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.“ (ebd., S. 46)
Unsere Existenz, unser Lebensgang hänge nicht von uns ab. Wir seien bedingte Wesen. Alles, was in unserem Leben vorkommt, hänge nicht immer von uns ab. (vgl. T. Dethlefsen, 1987, S.138-139) Darüber berichtet Charlotte selbst, indem sie ihre früher gewünschte Verbindung zwischen Eduard und Ottilie bereut

Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch, meinen eigenen Vorsatz, gegen die ich unbedachtsam gehandelt, wieder in den Weg bringen. Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir als das schicklichste Paar zusammengedacht? Habe ich nicht selbst beide einander zu nähern gesucht? Waren Sie nicht selbst, mein Freund, Mitwisser dieses Plans? Und warum konnte ich den Eigensinn eines Mannes nicht von wahrer Liebe unterscheiden? (J. W. v. Goethe,1999, S. 105)

Beim Lesen dieser Äußerung Charlottes springt es deutlich ins Auge, dass sich der Mensch im Allgemeinen als ein unbewusster Träger der großen Vorhaben des Schicksals erweist. Es sei jenes Schicksal, das unserem Bewusstsein die richtige „Bahn“ zeige. (vgl. J. W. v. Goethe,1982, S. 46) Der Mensch ist demzufolge bittend dazu aufgefordert, an den Zufall und an dessen unausweichliche Wirkung zu glauben, um weise und glücklich zu werden, wie A. Frossard (1979, S. 14) betont: „Wir sehen deutlich, der Mensch genießt nur die Weisheit, wenn er an das Unglaubliche  glaubt,  denn  der Glaube,  indem  er weit  davon  entfernt  ist,  den  Menschen irrezuführen oder sich ihn Untertan zu machen, rettet die Vernunft.“7

Was außerdem die Fügung betrifft, taucht sie im Werk durch die seltsame doppelte Ähnlichkeit beim Kind von Eduard und Charlotte auf. Diese ungewöhnliche Ähnlichkeit beim Kind, die hier nichts anderes als das krassere Wirken einer dämonischen Fügung betrachtet werden kann, ist die unmittelbare Folge von dem, was P. Stöcklein (1949, S. 13) in Stil und Sinn der Wahlverwandtschaften  „Untreue  in  der  Treue,  Ehebruch  im  Ehebett“  nannte.  Denn  die unschuldige Liebe hat das Ehepaar dazu gebracht, jene Handlung im Bett zu begehen, wobei der Mann und die Frau zueinander verrieten, da Eduard dabei an Ottilie dachte, während sich Charlotte den Hauptmann in ihren Armen vorstellte: Der Dämonismus, der einerseits Eduard zu Ottilie und andererseits Charlotte zum Hauptmann trieb, eint sie einander nur, um sie voneinander später endgültig zu trennen, denn ihnen – Eduard vor allem –  schien, dass sie ein Verbrechen begangen haben: „Aber als Eduard des andern Morgens an dem Busen seiner Frau erwachte, schien ihm der Tag ahnungsvoll hereinzublicken, die Sonne schien ihm ein Verbrechen zu beleuchten.“ (J. W. v. Goethe, 1999, S. 86)
Das so genannte Verbrechen, das in der Nacht in verhüllter Form begangen wurde, wird später in heller Form, d.h. am Tagelicht erscheinen, damit jeder gewahr wird, wie unvermeidlich die Fatalität ist. Deswegen hat Goethes Genie das geborene Kind dem Hauptmann und Ottilie, aber nicht seinen biologischen Eltern ähneln lassen. Anders schien es nicht zu sein, denn das Schicksal bzw. die Natur „ist fest. Ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.“ (J. W. v. Goethe, 1982, S. 46) Als Naturprodukt lässt sich der Mensch von der Natur leiten und bildet sich, indem er unaufhörlich versucht, sich von ihr zu distanzieren.

SCHLUSS

Die Beschäftigung mit der Problematik der Idee einer zur Menschenbildung beitragenden Natur in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften war kein vermessenes Vorhaben, denn das Illustrationswerk selbst scheint, die Darstellung der menschlichen Natur zu sein. Dabei tauchte der Mensch als ein wahres Naturprodukt auf, das eine bestimmte Natur genießt. Dieser Natur ist er ständig unterworfen. Aber das lässt sich nicht verstehen, dass im ganzen Werk um die völlige Darstellung der Natur in ihrer Unergründlichkeit geht. Das Werk wirft vielmehr die Problematik der Verantwortung und der Willensfreiheit des vernunftbegabten Menschen in einer Natur voller unerbittlicher Notwendigkeiten auf. Im Werk hat Goethe nämlich nichts anderes als die folgende Idee zeigen wollen: Dem vernunftbegabten Menschen ist möglich, sich über diese Materie zu erheben, um sie endgültig zu beherrschen. Ein solches Projekt schafft aber der Mensch als Symbol des Rätsels der Natur nur, wenn er diese Natur und deren Manifestationen kennt und beherrscht, aber nicht (ver)leugnet. Dadurch könnte er sich dessen bewusst sein, dass er eine Natur in der Natur ist, deren Natur darin besteht, die Natur zu bearbeiten, zu ordnen und endgültig zu bändigen, wie G. v. Wilpert (1998, S. 1140) es resümierte: „Menschliche Beziehungen unterstehen nicht wie die anorganische Natur zwanghaft-ausweglosen Naturgesetzen, sondern bewussten sittlichen Entscheidungen.“

LITERATURVERZEICHNIS

BLESSIN, Stefan (1996): Goethes Romane. Aufbruch in die Moderne. Paderborn – München

– Wien – Zürich: Schöningh-Verlag.

BOLLMANN, Stefan (2016): Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist. München: Deutsche

Verlags-Anstalt.

DETHLEFSEN, Thorwald (1987): Schicksal als Chance. Das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen. München: Goldmann-Verlag.

FEGER, Hans [Hrsg.] (2012): Handbuch Literatur und Philosophie. Stuttgart: J.B. Metzler- Verlag.

FROSSARD, André (1979): L’art de croire. Paris: Grasset.

GOETHE, Johann Wolfgang von (1982): „Dichtung und Wahrheit“ In: Werke, Bd. 9, Buch 1-

13, München: Hamburger Ausgabe.

(1982): „Die Natur (Fragment)“. In: Werke, Bd.13, S. 45-47, München, Hamburger

Ausgabe.

(1999):  Die  Wahlverwandtschaften.  München,  Deutscher Taschenbuch  Verlag,  10. Auflage.

KIRSCHLEGER, Frédéric (1865): La Métamorphose des Plantes de Goethe. Strasbourg: Impr. Christophe.

SIEGRIST, Christoph u. a. [Hrsg.] (1987): Epoche der Wahlverwandtschaften. 1807– 1814. München: Hanser.

STÖCKLEIN, Paul (1949): „Stil und Sinn der Wahlverwandtschaften“, In: Wege zum späten

Goethe. Hamburg: Marion von Schröder, S. 7-58.

WILPERT, Gero von (1998): Goethe-Lexikon. Stuttgart: Kröner-Verlag.

WOLF, Manfred [Hrsg.] (1999): Leser fragen – Goethe antwortet. Klassische Lebenshilfen von

Herrn Goethe. Frankfurt am Main: Eichborn-Verlag.

1 So charakterisierte Knebel Goethe: „O du unerschöpflicher!“ vgl. Frédéric Kirschleger (1865), La Métamorphose des Plantes de Goethe. Strasbourg: Impr. Christophe, S. 8.

2 Es geht in diesem klassischen Roman um die Geschichte eines reichen Barons namens Eduard Otto, der mit seiner Gattin Charlotte zurückgezogen in einem von einem großen Park umgebenen Schloss lebte. In zweiter Ehe haben die beiden Liebenden von einst endlich zueinander gefunden, indem sie sich dem Garten und der Parkgestaltung widmen. Gestört wird diese Idylle, als Eduard seinen Freund, den Hauptmann, auf das Anwesen aufnahm, während Charlotte ihren Schützling Ottilie herbeiholen ließ, damit diese ihr Gesellschaft leistet. Bald schon begann das Phänomen der Wahlverwandtschaften zwischen diesen vier Gestalten, so dass Eduard sich zu Ottilie und Charlotte zum Hauptmann hingezogen fühlte. Später beschloss Ottilie nach dem tragischen Tod des Kindes des Ehepaars, auf ihre Liebe zu Eduard zu verzichten, indem sie sich zurückzog, nicht mehr sprach und aß, bis sie letztlich an Schwäche starb. Zum Schluss starb Eduard auch, aber eines natürlichen Todes.

3 Die semantische Besonderheit und die Analogie zwischen Kultur und Bildung im deutschsprachigen Raum wird deutlich von Hans Feger in Handbuch Literatur und Philosophie (2012) geklärt. vgl. Kapitel 13, S. 257-59.

4 Goethe lehnte immer jene Art Bildungssystem, das darin bestand, ein Kind auszubilden ohne Rücksicht auf seine eigenen Fähigkeiten und Neigungen. In Wilhelm Meisters Lehrjahre heißt es in dieser Hinsicht: „Wenn man an der Erziehung des Menschen etwas tun wolle, müsse man sehen, wohin seine Neigungen und Wünsche gehen. Sodann müsse man ihn in die Lage versetzen, jene sobald als möglich zu befriedigen, diese sobald als möglich zu erreichen, damit der Mensch, wenn er sich geirrt habe, früh genug seinen Irrtum gewahr werde, und wenn er das getroffen hat, was für ihn passt, desto eifriger daran halte und sich desto emsiger fortbilde.“ (Goethe zitiert nach M. Wolf, 1999, S. 31)

5 Kurz nach der Veröffentlichung des Romans im Jahre 1809 erschien diese Vorbemerkung Goethes in Cottas Morgenblatt für gebildete Stände. vgl. C. Siegrist u. a. (Hrsg.): Epoche der Wahlverwandtschaften 1807-1814, München: Hanser 1987, S. 285.

6 Dieses Naturspiel war Goethe seit der Kindheitsperiode nicht fremd. Im Ersten Buch seines Werkes Dichtung und Wahrheit kann man lesen, wie es dem Dichter immer eine erfreuliche Empfindung war, als der schöne Fluss auf- und abwärts seine Blicke nach sich zog und der goldene Hahn auf dem Brückenkreuz im Sonnenschein glänzte. vgl. J. W. v. Goethe (1982): „Dichtung und Wahrheit“. In: Werke, Bd. 9, Buch 1-13, München: Hamburger Ausgabe, 1982.

7 « Nous voyons bien que l’être humain n’a jamais eu de sagesse que lorsqu’il a cru l’incroyable et que loin de l’égarer ou de l’asservir, la foi sauve la raison ».

A propos : sociotexte

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